BUSSTOPS-Haltestelle am Aegidientorplatz in Hannover

Mein BUSSTOPS-Projekt (Teil 2)

March 3, 2016

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Im zweiten Teil meiner Artikelserie über die hannoverschen BUSSTOPS berichte ich über drei weitere Haltestellen: Aegidientorplatz, Nieschlagstraße und Braunschweiger Platz. Die erste geriet besonders unauffällig, die zweite kann mit einem technischen Gimmick aufwarten und die dritte schuf der wohl berühmteste Künstler aus dieser Aktion.

Die Haltestelle “Aegidientorplatz”

Die Bushaltestelle „Aegidientorplatz“ steht am Rande einer der größten Kreuzungen von Hannover, dem namensgebenden Aegidientorplatz. Von allen BUSSTOPS ist dieser der schlichteste: ein sehr modernes Objekt aus Edelstahl und viel Glas. Praktischerweise öffnet sich der Raum hinter dem Wartehäuschen zum Platz, sodass man als Fotograf viel Luft nach hinten hat. Mein erstes Bild nahm ich trotzdem aus sehr geringem Abstand auf. Mit dem auf 35mm verlängertem Weitwinkel-Objektiv (24mm mit 1,4x Tele-Konverter) blickte ich von schräg hinten auf die gläserne Vitrine. Das Foto gefiel mir jedoch nicht: Im Ausschnitt erschien zu viel unruhiger Hintergrund (Bürogebäude, Straßenbahnhaltestelle, Himmel), außerdem fand ich die Perspektive unnötig dramatisch. Die Größe und Grundform der Haltestelle – ein mehrere Meter langer Quader – ist relativ gewöhnlich, sodass ich die weitwinklige Ansicht als ungemessenes Spiel mit Effekten empfand. Einen großen Vorteil besaß die Weitwinkel-Perspektive hingegen schon: Leider hatte sich die Stadt dazu entschlossen, direkt vor der Stirnseite des Wartehäuschens einen Müllkorb aufzustellen. Zwar ist dieser in silbrigen Grau lackiert, stört aber in meinem Empfinden den Entwurf Jasper Morissons erheblich. Mit dem Weitwinkel-Objektiv konnte ich zum Glück so nah an die Haltestelle herantreten, dass sich der Müllkorb aus dem Bild drängen ließ.

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Bild 1: Neben den hannoverschen Straßenbahnzügen vom Typ TW2000 designte Jasper Morrison auch die Bushaltestelle am Aegidientorplatz (Aufnahme mit 85mm).

Letztlich entschied ich mich aber für eine Aufnahme aus der Distanz, bei der mein 85mm-Objektiv zum Einsatz kam. Dies reduzierte die Komplexität des Hintergrunds (man sieht nur noch den unteren Teil des Bürogebäudes und eine grüne Straßenbahn) und das Wartehäuschen wirkt durch die Perspektive weniger spektakulär („natürlicher“). Das 85er benutze ich mit komplett geöffneter Blende. Dadurch gelang es mir, das im Hintergrund stehende Bürogebäude ein wenig in Unschärfe verschwimmen zu lassen, obwohl der Abstand Haltestelle – Bürogebäude im Verhältnis zum Abstand Kamera – Bushaltestelle gar nicht so besonders groß war. Generell klappt es mit dem Freistellen nämlich umso besser, je näher sich die Kamera am Motiv befindet und je weiter entfernt die Objekte im Hintergrund liegen.

(Aufnahme-Daten: Canon EOS 6D, Canon 85mm LII, 1/160 s bei Blende 1.2, ISO 100)

Die Haltestelle “Nieschlagstraße”

Die Bus- und Straßenbahnhaltestelle „Nieschlagstraße“ gehört zu den drei BUSSTOPS, die aus zwei Wartehäuschen bestehen, also für jede Fahrtrichtung eines besitzen. An der Nieschlagstraße stehen sich zwei Kugelkalotten-Pärchen leicht versetzt gegenüber. Zur Fahrbahn sind die metallernen Kugelsegmente dabei leicht schräg angeordnet. Diese Ausrichtung geschah nicht ohne Grund: Der Kölner Designer Wolfang Laubersheimer entwarf die Haltestelle so, dass Schall zwischen beiden Seiten einfach übertragen werden kann. Spricht jemand in eine Kalotte, so kann man auf der gegenüberliegenden Seite die Worte hervorragend verstehen, wenn man sein Ohr der Kalotte zuwendet.

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Bild 2: Zwei Häuschen stehen sich gegenüber: Wolfgang Laubersheimers Kugelkalotten an der “Nieschlagstraße”.

Zum Fotografieren gab sich die Haltestelle ganz unkompliziert: Sowohl von vorne als auch von hinten gut zugänglich, außerdem in Form und Abmessungen nicht zu ausgefallen. Ich entschied mich ein Bild von der Rückseite mit leicht weitwinkliger Perspektiv (ca. 35mm). Für das Bild wartete ich darauf, bis eine Straßenbahn an der Haltestelle vorbeikam. Wegen der beginnenden Dämmerung war die nötige Belichtungszeit mittlerweile recht lange geworden, mehrere Sekunden schon. Glück für mich: So konnte ich die Straßenbahn sowohl fahrend als auch haltend abbilden, in einer Aufnahme. Sie erscheint auf dem Bild deswegen gleichzeitig scharf und verwischt.

(Aufnahme-Daten: Canon EOS 6D, Canon TS-E 24mm LII mit 1,4x Tele-Konverter (Brennweite dadurch bei knapp 35mm), 10 s bei Blende 11, ISO 100)

Die Haltestelle “Braunschweiger Platz”

Der Braunschweiger Platz ist eigentlich mehr eine Kreuzung als ein Platz. Vielbefahrene Straßen treffen hier aufeinander – und ändern ihren Namen: Die Marienstraße setzt ihren Lauf nach Osten als Hans-Böckler-Allee fort, die Plathnerstraße verlässt den Braunschweiger Platz nach Süden als Bischofsholer Damm. An dessen Westseite, etwa 20 m von der Kreuzung entfernt, steht der BUSSTOP, den der Star-Architekt Frank O. Gehry schuf. Ein aus schuppenartig zusammengesetzten Plättchen bestehendes Dach wölbt sich über die Sitzbank. Ursprünglich grün und weiß gefärbt brachte das Dach der Haltestelle den Spitznamen „Gürteltier“ ein.

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Bild 3: Das “Gürteltier” am Braunschweiger Platz stammt von Frank O. Gehry.

Für meine BUSSTOP-Serie hatte ich mir bloß eine strikte Vorgabe gegeben: Alle Aufnahmen sollten im Querformat sein. Die Proportionen des Wartehäuschens sind jedoch so geartet, dass sich mit einer Schrägansicht nur schwerlich ein querformatiges Bild füllen lässt. Für ihre Höhe ist die Haltestelle nämlich einfach zu kurz. Als Weitwinkel-tauglicher Kamerastandort wäre ohnehin nur die Verkehrsinsel zwischen den Fahrspuren in Betracht gekommen – aus dem oben genannten Grund war von dort jedoch kein Staat zu machen. Also wich ich auf die andere Straßenseite aus, und statt des Weitwinkels kam mein leichtes Tele mit 85mm zum Zuge. Als Zeitpunkt hatte ich mir die halbe Stunde vor dem Sonnenaufgang überlegt. Das Licht der Morgendämmerung sollte dann die Vorderseite der Haltestelle beleuchten, während der Himmel dahinter noch möglichst dunkel wäre. Vorbeifahrende Autos im Vordergrund hätten für Leuchtspuren gesorgt, die den Vordergrund belebten. Vielleicht hätte man sogar das Glück und ein gleichzeitig vorbeikommender Personenzug übte einen ähnlichen Effekt auf den Hintergrund aus. Diese Überlegungen stellte ich alle während eines Besuches an, den ich der Haltestelle im Voraus abstattete. Die eigentliche Fototour sollte dann an einem Morgen der folgenden Tage stattfinden.

Wie so oft kam aber doch alles ein bisschen anders. So erwiesen sich die Autos im Vordergrund als viel zu dominant, ihre Leuchtspuren beherrschten den Bildeindruck. Ich beging den Fehler, mir einen Werktag ausgesucht zu haben. Der Berufsverkehr war viel zu dicht: entweder, die Autos fuhren kontinuierlich durchs Bild, oder sie hielten direkt vor mir an der roten Ampel. Die Bahnlinie hingegen lag viel zu weit entfernt, als dass ein Zug hätte auffallen können. So wartete ich auf eine kurze Lücke im Verkehr, die mir ein autofreies Bild erlauben sollte. Währenddessen ließ die fortschreitende Dämmerung das Himmelsblau allmählich in ein tristes Grau übergehen. Die Kamera-Einstellungen wählte ich so, dass dabei möglichst kurze Verschlusszeiten herauskamen – was vor allem eine offene Blende bedeutete (ich landete damit bei etwa einer halben Sekunde). Das hier gezeigte Bild entstand recht zu Anfang und war der erste autofreie Moment, den ich erwischte. Nun ja, ganz autofrei war der Moment nicht: Beim genauen Hinschauen lässt sich in der rechten unteren Bildecke noch das Heck eines gelben Kleinwagens erkennen. Kurz nach dieser Aufnahme beging ich jedoch den zweiten großen Fehler: Ich überprüfte noch mal den Fokus – und verstellte ihn dabei! Bei offener Blende ist der scharfe Bereich meines 85mm-Objektivs sehr schmal, dadurch fällt ein falsch gesetzter Fokus sofort unangenehm auf. Zwar gelang es mir während der folgenden zwanzig Minuten, vier oder fünf weitere Momente ohne Auto abzupassen, wegen der leichten Unschärfe erwiesen sich die Bilder erwiesen jedoch alle als unbrauchbar. Klar, dass einem sowas erst am Bildschirm zu Hause auffällt. Aber ich mag das Bild, das mir geblieben ist, und werte daher die Tour als Erfolg.

(Aufnahme-Daten: Canon EOS 6D, Canon 85mm L II, 2/5 s bei Blende 1.2, ISO 100)

Alle hier gezeigten Fotos habe ich auch unter einer CC-Lizenz bei Wikimedia Commons hochgeladen.

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