Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Besondere Orte: der Gartenfriedhof

September 13, 2016

by — Posted in black and white, Kunstobjekte, Sakrales (Kirchen, Friedhöfe)

In Hannovers Innenstadt gibt es drei ehemalige Friedhöfe, die nun den Charakter eines Parks haben: der St.-Nikolai-Friedhof am Klagesmarkt und Goseriede, den Neustädter Friedhof an der Brühlstraße und den Gartenfriedhof an der Marienstraße. Alle drei wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschlossen, entsprechend alt sind die dort erhaltenen Grabstätten.

Der Gartenfriedhof, um den es hier gehen soll, entstand 1741. Die Stadtbevölkerung wuchs und die bestehenden Friedhöfe erwiesen sich als zu klein. Vor dem Aegidientor, damals ein Durchlass in der Stadtbefestigung, lebten die Menschen in unstrukturierten Siedlungen. Viele von ihnen gingen dem Acker- und Gartenbau nach, sie waren „Gartenleute“. Um die Lebensbedingungen der Bewohner zu verbessern und ihren Zusammenhalt zu stärken, ließ die Stadt für sie eine Kirche errichten: die Gartenkirche. Auf dem umliegenden Gebiet nördlich der Marienstraße – dem früheren Rosengarten – schuf man Platz für Gräber. Neben den Gartenleuten fanden hier auch wohlhabende Familien aus der Aegidienneustadt ihre letzte Ruhestätte.

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Detail eines Grabs auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Detail eines Grabs auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Detail eines Grabes auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Detail eines Grabes auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Die meisten Grabmale sind vom Klassizismus geprägt. Etwa ein Fünftel zeigt gotisierende Stilmerkmale wie Spitz- oder Kleeblattbögen aus der Zeit der Romantik. Auch zahlreiche Symbole lassen sich entdecken: Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, verkörpert die Unendlichkeit. Schmetterlinge zeigen die Verwandlung in eine neue Daseinsform. Daneben begegnen einem Tränenkrüge, steinerne Urnen und Obelisken. Der formenreiche, plastische Schmuck vieler Grabmale hat den Gartenfriedhof zu einem wichtigen Zeugnis der damaligen Bestattungskultur gemacht.

Wie viele Gräber es zu Zeiten der Schließung gab, ist nicht überliefert. Bei einer Zählung im Jahr 1939 kam man auf 538 Grabstätten, von denen 1982 nur noch 402 erhalten waren. Für den Schwund gibt es verschiedene Ursachen: Die Luftverschmutzung setzte Sandstein und Eisenteilen zu, daneben kam es zu mutwilligen Zerstörungen. Bis heute verhalten sich viele Menschen hier nicht so, wie ich es – auch bei einem ehemaligen – Friedhof für angemessen hielte. Bei meinen Besuchen sah ich, wie Hunde über den Rasen ausgeführt wurden und Grillfeste auf Grabplatten stattfanden.

Mich beeindruckt jedes Mal, wie hervorragend sich die einzelnen Steine in ihre Umgebung fügen. Meist stehen sie direkt auf dem Rasen, Laub liegt herum. Beinahe wirkt es so, als seien die Grabmale natürlich gewachsen. Wahrscheinlich kommt dieser Eindruck auch daher, dass das Material im Laufe der Jahre eine dunkelgraue, bisweilen fast schwarze Farbe angenommen hat. Zudem überziehen Moose und Flechten die Gräber, was sie den vielen Baumstämmen ähneln lässt. Mir ist, als stünden die Steine schon ewig hier.

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Den aufgelassenen Friedhof mit seinen Grabsteinen zu fotografieren, zwang mich zu vielen Entscheidungen, die ich vorher gar nicht von diesen Motiven erwartet hatte:

  • Stellt man ein Ensemble mehrerer Grabsteine dar? Porträtiert man eher einzelne Steine? Oder beschränkt man sich gar auf interessante Details, z. B. Teile einer Grabfigur?
  • Fotografiert man den Stein in Frontalsicht und bildet seine gesamte Vorderseite scharf ab? Oder schaut man im Winkel darauf und lässt die Fokusebene den Stein „zerteilen“?
  • Wie bezieht man den Hintergrund ein? Lässt man erkennen, dass man sich in der Stadt befindet und die Anlage von mehrstöckigen Wohnhäusern umsäumt wird – oder blendet man das aus? Wie setzt man einzelne Steine in Bezug zu anderen, davor- oder dahinterliegenden? Wie vermeidet man ungünstige Überlappungen? Schaut man gar nur leicht von oben auf den Grabstein und versucht alles Umgebende auszuschließen?
  • Aus welchem Winkel erhält man die reizvollste Beleuchtung? Wie kontrastieren sich Stein und Grünzeug am Besten? Wie umgeht man, zu viel weiße Himmelsausschnitte ins Bild zu bekommen? Sucht man die „Theaterbeleuchtung“, wie sie eine tiefstehende Sonne schafft, oder bevorzugt man eine dezentere Ausleuchtung durch bedeckten Himmel?
  • Welchen Eindruck will an hervorrufen: düster und gruselig, freundlich, friedlich, Zeitreise?
  • Sollen sich die einzelnen Aufnahmen möglichst ähnlich sehen, um eine geschlossene Serie zu erhalten, gar etwas von einer Typologie? Oder soll ein ordentliches Maß an Variation für die nötige Auflockerung sorgen? Variationen bieten z. B. folgende Faktoren: Tageszeit / Sonnenstand, Wetter, Jahreszeit, Betrachtungsabstand, Aufnahmehöhe, Perspektive / Brennweite, Farbe bzw. Verzicht auf Farbe, ausgedehnte oder beschränkte Schärfentiefe, etc. Wie man an den gezeigten Aufnahmen erkennt, habe ich manche Faktoren konstant gehalten und andere verändert.

Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Zu den herausragenden Persönlichkeiten, die auf dem Gartenfriedhof ihre letzte Ruhe fanden, zählen u.a.:

  • Christian Phillip Iffland (1750 bis 1835): Als Bürgermeister sorgte er während der französischen Besatzung dafür, dass die Eilenriede nicht abgeholzt wurde. Sein Grab erhielt Nr. 3 auf dem Übersichtsplan.
  • Christian Heinrich Tramm (1819 bis 1861): Der Hofbaumeister entwarf u. a. das Welfenschloss und das Henriettenstift. Grab Nr. 19.
  • Carloline Herschel (1750 bis 1848): Die Astronomin entdeckte acht Kometen. Sie war eine der ersten wissenschaftlich aktiven Frauen und arbeitete auch mit ihrem Bruder, Wilhelm Herschel. Grab Nr. 21.
  • Charlotte Sophie Henriette Kestner (1753 bis 1828): Goethes Jugendfreundin diente als Vorlage für Lotte aus „Die Leiden des jungen Werthers“. Grab Nr. 29.

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Grab auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Detail eines Grabes auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Gräber auf dem Gartenfriedhof neben der Gartenkirchen an der Marienstraße in Hannover

Der Gartenfriedhof liegt fußläufig zum Aegidientorplatz: Nach etwa 200 Metern erreicht man ihn auf der linken Seite der Marienstraße. Die Tore sind rund um die Uhr geöffnet, der Eintritt ist kostenlos.

Mehr zu lesen über die Anlage gibt es in einer Informationsbroschüre, herausgegeben vom Grünflächenamt der Stadt Hannover. Die Broschüre diente mir auch als Quelle für diesen Beitrag, neben dem Wikipedia-Artikel über den Gartenfriedhof.

Einen Teil der Bilder nahm ich im Spätsommer 2015 auf, den Rest im Sommer 2016. Für alle benutzte ich die Leica Monochrom mit einem 50mm-Objektiv (bei denen von 2015 war es das Summicron mit f/2, bei denen von 2016 hingegen das Summilux mit f/1.4).

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