Plastik "Le Hallebardier" von Alexander Calder am Maschsee in Hannover. Im Hintergrund ist das Sprengel Museum Hannover zu sehen.

Filmnacht – über das „Glücksspiel“, nachts auf Film zu fotografieren

January 30, 2017

by — Posted in Kunstobjekte, long time exposures, shot on film

Dass die Nachtfotografie ein spannendes Thema ist, das aber auch besondere Anforderungen mit sich bringt, brauche ich wohl keinem ernsthaft erzählen – und tue es trotzdem. In diesem Artikel möchte ich einige wenige Aufnahmen zeigen, die bei spärlichem Licht mit Film entstanden.

Ein großer Unterschied der Nachtfotografie zu ihrem Gegenstück am Tage besteht für mich darin, dass man das Ergebnis deutlich schlechter vorhersehen kann. Dies liegt wohl daran, dass die Kamera bei langer Belichtungszeit mehr Informationen einsammelt als das menschliche Auge dem Gehirn liefern kann. Eine entsprechende Belichtungszeit vorausgesetzt sieht die Kamera also viel mehr als man selbst. Werden die Informationen physikochemisch auf fotografischem Film festgehalten anstatt sie elektronisch mit dem Sensor einzusammeln, ergeben sich weitere Unterschiede: Erstens reagiert der Film durch seine unterschiedlichen sensiblem Schichten „seltsam“ und zweitens lässt sich das Ergebnis nicht direkt begutachten. Ersteres bewirkt bisweilen einen wilden Farbrausch. Letzteres sorgt dafür, dass man den – bei der Aufnahme unbemerkt gebliebenen – Störfaktoren nicht gegensteuern kann. Ein Beispiel könnte der Lichtkegel einer Straßenlaterne sein, der ungewollt in den Bildrand hineinragt. Mit dem bloßen Auge nehme ich den Lichtkegel nicht wahr bzw. ich kann unmöglich seinen Einfluss auf das spätere Bild abschätzen. Eine solche Art der Fotografie ist also mit vielen Unsicherheiten behaftet. Jedoch: Was sicher ist, ist Routine, und was Routine ist, wird schnell langweilig. Das soll nicht heißen, dass ich gerne vollends im Dunklen tappe (wie passend…), aber ein Stückchen Zufall bringt Spaß! Dementsprechend ist das Wort „Glücksspiel“ in der Überschrift mit zwei Bedeutungen zu lesen: Man zockt, denn man weiß nicht, ob sich der Einsatz (von Material, Zeit, Gedanken) letztlich auszahlen wird. Gleichzeitig ist diese Art der Fotografie ein Spiel mit den Bedingungen und sowohl der Schaffensprozess als auch das Ergebnis können auf einen sehr beglückend wirken.

Zur Bildbesprechung: Bild 1 zeigt ein Bürogebäude im Osten Hannovers. In fortgeschrittenen Dämmerung fotografierte ich das Haus von einer viel befahrenen Kreuzung aus. Dies sieht man gut an den Leuchtspuren im Vordergrund, die diesen Bereich stellenweise weiß werden lassen. An die genaue Belichtungszeit erinnere ich mich nicht mehr, schätze sie aber auf etwa drei Minuten. Die Zeit war immerhin lang genug, dass jede Ampelphase mindestens einmal durchlaufen wurde – Rot, gelb, grün, alle Lampen leuchteten während des Belichtens auf. Das bringt mich zu einem weiteren Punkt, der die Nachtfotografie so interessant macht: Verschiedene, eigentlich nacheinander ablaufende Prozesse werden in einer Aufnahme vereint. In manchen Fällen – wie hier den unterschiedlichen Ampelphasen – lässt sich das im Nachhinein noch gut rekonstruieren. Andere Vorgänge sind da schon schwieriger zu erklären. Ansonsten ist bei diesem Bild der orange Fleck, der Baum in der linken Bildecke überlagert, einigermaßen mysteriös. Woher stammt er?

Bild 1: Bürohaus an der Hannoverschen Straße, Misburg-Nord.

Bild 2 zeigt das von Heinz Wilke entworfene Parkhaus an der Osterstraße in Hannover-Mitte. Der Waschbeton als Baumaterial und die Formen outen das Gebäude als typisches Kind der 1970er Jahre. Die Besonderheit dieses Bildes liegt für mich im silbernen Kleinwagen, der auf Höhe des Briefkastens steht. Das Auto ist da – aber irgendwie nicht so richtig, denn man sieht die dahinterliegenden Bordsteine und Treppenstufen durchscheinen. Wie ist das Auto dorthin gekommen? Das Foto bleibt die Antwort schuldig. Die Erklärung ist gar nicht so spektakulär: Als ich mit der Aufnahme begann, stand der Kleinwagen noch nicht dort. Während er sich näherte, steckte ich den Objektivdeckel auf, denn ich wollte keine Leuchtspuren im Bildvordergrund haben. Die Fahrerin parkte den Wagen, suchte lange Zeit etwas in ihrer Tasche und stieg schließlich aus. Ich hingegen nahm den Deckel wieder vom Objektiv und ließ meine Aufnahme weiterlaufen. So habe ich beide Zustände – kein Auto / Auto – in einem Bild kombiniert. Wegen der vielen Lichtquellen am Haus hielt ich die Belichtungszeit eher kurz (es sollten möglichst nicht so viele Bereiche überstrahlen), sodass der Himmel hier weitgehend schwarz erscheint.

Bild 2: Parkhaus an der Osterstraße, Mitte.

Bild 3 zeigt ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, das wohl jede Hannoveranerin und jeder Hannoveraner kennt: Alexander Calders Hallebardier, aufgestellt am Nordufer des Maschsees, in Sichtweite des Sprengel Museums. Bernhard Sprengel, Hannovers großer Mäzen für moderne Kunst, kam Anfang der 1970er zur Einsicht, die niedersächsische Landeshauptstadt hätte etwas mehr internationalen Glamour verdient – und kaufte Calders Arbeit. Als ich mein Bild aufnahm, war es bereits richtig dunkel. Anders als beim Parkhaus auf Bild 3 ließ ich den Verschluss jedoch ziemlich lange geöffnet, fast 20 Minuten. Der Himmel an diesem regnerisch-dunstigen Tag erscheint deswegen nicht mehr schwarz, sondern wird durch das gestreute Kunstlicht aufgehellt und eingefärbt. Dabei vereint er verschiedene, dezente Nuancen: blau, grün, gelb, lila. Die von der Filmemulsion herrührenden Farbverschiebungen werden besonders am Boden deutlich: Die grau-schwarzen Splittsteinchen erscheinen auf einmal grün. Farblich nahezu unverändert sind hingegen die Stahlbleche, denn auch bei Tage leuchtet die Hallebardier in rot-orange.

Bild 3: Le Hallebardier (Guadeloupe) von Alexander Calder am Arthur-Menge-Ufer, Südstadt. Im Hintergrund das Sprengel Museum Hannover.

Bild 4 bringt noch etwas mehr moderne Kunst in diesen Beitrag. Die Arbeit der US-amerikanischen Künstlerin Alice Aycok trägt den Namen Another Twister (João). Der Wirbelwind steht erst seit 2015 an seinem Platz vor dem Haupteingang des Sprengel Museums. Das Foto machte ich übrigens am gleichen Abend wie das vom Parkhaus und der Hallebardier, jedoch etwas früher, als noch ein wenig Tageslicht vorhanden war. An der Aufnahme gefällt mir der Farbkontrast zwischen dem gelben Licht der Straßenlaternen und dem bläulich-grauen Himmel. Die von den Lampen des Museums leicht angestrahlte Plastik schimmert grünlich – typisch für Kunstlicht. Da der Fahrbahnbelag und die Pflastersteine ganz nass vom Regenwasser sind, reflektieren sie das Licht umso intensiver. Dadurch wird das Bild herrlich bunt, obwohl der Tag eigentlich ein ganz trister war.

Bild 4: Another Twister von Alice Aycock am Kurt-Schwitters-Platz, Südstadt.

An dieser Stelle sei nochmal auf die tollen Arbeiten von Sebastian Schlüter verwiesen.

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